Unintentional Music

UNINTENTIONAL MUSIC

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Musikstück gut geübt und wollen es jemandem vorspielen. Sie haben es wirklich à fond geübt, fühlen sich jedoch plötzlich  unsicher. Ihr Stück klingt nicht so wie Sie es gewohnt sind. Natürlich ärgern Sie sich während Sie spielen und geben sich die grösste Mühe, so zu tun als wäre nichts. Allein, es will nicht gelingen. Kennen Sie das ? Für das nächste Vorspiel nehmen Sie sich vor, sich noch besser vorzubereiten, vielleicht vorher Entspannungsübungen zu machen und  sich noch besser zu sammeln. Das sind  gute Ideen und vielleicht  klappt es auf diese Weise, vielleicht nicht. Wenn es trotzdem nicht klappt, könnten Sie versuchsweise etwas ganz anderes ausprobieren: Erinnern Sie sich wie es war während des Spiels? Was störte Sie? Was war nicht wie sonst? Wenn Sie etwas gefunden haben, lassen Sie  es zu, dies noch einmal  zu erleben. Nennen wir es mal Lampenfiebersymptom. Erforschen Sie es, lassen Sie Ihr Urteil darüber vorläufig weg und interessieren Sie sich genau für dieses Symptom. Vielleicht eine Lähmung der Muskeln, vielleicht eine Verkrampfung, vielleicht  hatten Sie eine Leere im Kopf… Es gibt unzählige Arten von Lampenfieber. Verstärken Sie, was sie gerade erleben und lassen Sie das Symptom sich entfalten. Geniessen Sie anders zu sein, auch wenn dies für sie im Moment noch  komisch und unverständlich ist. Vielleicht finden Sie eine spezielle  Energie, die Ihnen beim Vorspiel gefehlt hat und bei Ihnen als Lampenfieber anklopft. Vielleicht könnten Sie mehr von dieser Energie zeigen. Vielleicht ist es wichtig für die Zuhörenden, diese Energie zu erleben.Vielleicht haben Sie sich davor gescheut, dies zu zeigen. Sie haben sich durch die Entfaltung des Lampenfiebers bereits  etwas gewandelt. Ihre Identität hat sich etwas geweitet. Dies ist ein kleines Beispiel, wie Unintentional Music den Weg zu neuen Qualitäten erforscht. 

Ein Beispiel aus der Praxis
Claudia spielte in einer Klavierstunde einen Satz aus einer Bach-Suite für Klavier. An einigen Stellen sah ich, dass sich ihre Arme anders bewegten als sonst: Kurze Signale grösserer Bewegungen, die den Oberarm mit einbezogen. Interpretierend hätte ich vermutlich gesagt, dort spielst du freier. Dies war auch Teil meiner Hypothese, dass nämlich hinter diesen kurzen Bewegungssignalen ein Stück Freiheit liegen könnte. Wie sich jedoch zeigen wird, förderte der Prozess ein sehr persönliches Thema zutage, worauf ich ohne Unintentional Music wahrscheinlich nicht hätte stossen können. Claudia reagierte auf meine neutrale Beschreibung interessiert. Ich lud sie ein zu versuchen, absichtlich mehr solche Bewegungen zu machen. Indem sie das machte, tauchte ein wichtiger Prozess aus dem Verborgenen auf. Einerseits gefiel es ihr, die Arme einfach so fliegen zu lassen. Andererseits war sie dann mit dem Klangresultat unglücklich und meinte, es klinge hässlich. Wiederum schlug ich vor, das Unabsichtliche absichtlich zu machen und bewusst hässlich zu spielen. Sie lachte und konnte kaum glauben, dass so etwas gut gehen könne. Trotzdem willigte sie ein, das Unmögliche zu probieren. Was hörten wir ?Wir hörten überhaupt nichts Hässliches, sondern ein befreites Spiel mit musikalischem Schwung. Claudia genoss es, so zu spielen, wurde dann aber nachdenklich, was uns die Gelegenheit gab, grundsätzlich über Freiheit im Spiel nachzudenken. Diese Stunde zeigte Wirkung. Claudia hat die Erfahrung gemacht, dass die Musik nicht hässlich wird, wenn sie sich frei fühlt.  

Was ist anders, wenn ich die prozessorientierte Intervention anwende  anstatt einfach zu sagen: „Spiel doch freier.“ Kann sie nicht die gleiche Erfahrung machen? Das kann sie selbstverständlich und  ich praktiziere dies  immer wieder im Unterricht. Aber es gibt auch die andere Art, die tiefer dringt und etwas Grundsätzliches an die Oberfläche bringt. Claudia richtete ihren Blick nach unten, als sie so nachdenklich wurde über ihr „hässliches“ Spiel. Der Blick nach unten zeigte mir eine wichtige und bedeutsame Reaktion. Das Senken des Blickes, eine verbreitete Reaktion während der Prozessarbeit, liess mich warten, Claudia schien mit sich selbst beschäftigt zu sein. Das anschliessende Gespräch machte deutlich, dass Claudia über ihren Umgang mit Freiheit nachdachte, auch über ihre Vorstellung, wie Musik zu klingen habe. Es war nicht das erste Mal, dass wir uns über ihre musikalischen Vorstellungen unterhielten. Sie merkte durch diese Arbeit, dass es jetzt Zeit war für sie, sich in der musikalischen Arbeit mehr Freiheit zu nehmen, wenn sie sich weiterentwickeln wollte. Jetzt tauchte dieses Thema auf, ohne dass ich es zur Sprache brachte. Der Prozessverlauf spülte es an die Oberfläche. Der Unterschied zu einer blossen Anweisung lag darin, dass Claudia durch die prozessorientierte Version den Weg zur Freiheit selber herausfinden konnte. Der Prozess zeigte ihr, dass Freiheit nicht unbedingt mit Hässlichkeit verbunden sein muss, wie sie anfänglich glaubte. Er zeigte ihr ausserdem ihren persönlichen Zugang zu Freiheit im Spiel. Dieser führte bei ihr über den Bewegungskanal. Dieses Wissen konnte sie ab sofort selbständig anwenden: Die Identifikation mit dem hässlichen Spiel verwandelt die Wahrnehmung: Das Spiel wird jetzt als befreit empfunden. Das Spiel ist nicht hässlich, sondern frei und fliessend. Claudia fühlt sich frecher, selbständiger, freier. Es macht Spass, einfach drauflos zu spielen, ohne den Druck des ästhetischen Rahmens dauernd im Nacken zu spüren.      

Lösung und Aufgabe: Umgang mit Ästhetik überprüfen: Wurde ich durch ästhetische Vorstellungen bis anhin eher eingeengt, als dass sie mich öffneten, um den Botschaften der Musik ein adäquater Kanal zu sein? Überprüfung meiner Freiheit bzw. Gebundenheit gegenüber Stil und Spieltraditionen der Musik: Ist es Zeit, mich neu zu orientieren? Wie gehe ich mit Genuss und Spass im Leben allgemein um?                                                                                   

Die Beispiele zeigen: Gleiches wird mit Gleichem gelöst. Musikalische Homöopathie ? In gewisser Weise kann man Unintentional Music tatsächlich als Homöopathie auffassen[i]. Statt gegen etwas zu kämpfen, interessiert sich diese Arbeitsweise einfach für das, was sowieso passiert. Als Musikerin folge ich den Störungen un Überraschungen, die als kurze Signale auftauchen  und erlaube ihnen, sich  zu entfalten. Ich folge dem Prozess, der mich zu neuen Qualitäten, zu neuen Eigenschaften führt. Eigenschaften, die ich vielleicht vergessen habe oder mit denen ich mich bis jetzt noch nicht identifizieren  konnte. Auf diesem Weg entdecke ich neue Facetten meiner Musik und meiner Persönlichkeit. Die Arbeit mit Unintentional Music ist ein Weg der ständigen Neuentdeckungen und  Wandlungen, die  sowohl mich selbst, meine Musik wie auch meine Umgebung zu transformieren vermögen.

Die Wurzeln von Unintentional Music
Der Boden, auf welchem Unintentional Music gründet, ist die Prozessarbeit von Arnold Mindell. Lane Arye, ein  Singer/Songwriter und Prozessarbeiter, welcher weltweit tätig ist, hat diese Methode in der Musik erforscht und entwickelt. Sein Buch Unintentional Music ist das Grundlagenwerk für die prozessorientierte Arbeit mit Musik. Ich habe diese Methode während Jahren  bei Lane Arye studiert und arbeite seit über 10 Jahren selbständig als Unintentional Music Coach und Facilitator. Unintentional Music ist eine kraftvolle Möglichkeit, gleichzeitig an musikalischen  und persönlichen  Themen zu arbeiten. Diese Arbeitsweise begleitet mich heute durch meinen musikalischen Alltag, sei es beim Improvisieren, Erarbeiten von Werken, Unterrichten und auch in Kursen: Überall zeigen sich Signale, die auf einen tieferliegenden Prozess hinweisen. Diese Signale wahrzunehmen und dahinterliegende, oft überraschende Qualitäten zu entfalten, ist immer wieder etwas Aufregendes und Begeisterndes. Dabei ist alles Unbeabsichtigte ein Tor zu aussergewöhnlichen und berührenden Erfahrungen mit dem Resultat, dass wir mehr und mehr mit dem Mysterium der Musik und unserem eigenen ständigen Wandel in Kontakt  kommen. Meine Arbeit über den Einbezug von Unintentional Music Im Instrumentalunterricht und im praktischen Alltag als Musikerin können Sie hier direkt herunterladen

[i]  Arnold Mindell Dreambody,Bonz 1985, II:2 

Lehrerin Natur

Unintentional Music im Instrumental-Gesangsunterricht

Lehrerin Natur