Musik und Deep Democracy

Deep Democracy ist ein Begriff in der Prozessarbeit, den Arnold Mindell im Lauf seiner Forschung entwickelte und welcher erstmals im Buch  The Leader as Martial Artist[1]auftaucht. Er fand zu diesem Begriff durch seine vielen Erfahrungen mit Gruppen, mit denen er weltweit arbeitete. Dieser Ansatz ist in der Prozessarbeit sehr bedeutsam geworden und wird heute vielfältig angewandt, sei es in politischen Gruppen, in Organisationen, Teams und in der Arbeit mit Einzelnen.

Max Schupbach, ein Kollege von Arnold MIndell, der die Prozessarbeit von Beginn an mitentwickelte, gründete 2006 zusammen mit Ellen Schupbach und einem kleinen Team das Deep Democracy Institut. Inzwischen gibt es weltweit Ausbildungstrainings in Deep Democracy.

Deep Democracy ist, wie der Name  aussagt, tiefer als unser normales Verständnis von Demokratie, welches vor allem  auf  Mehrheitsmeinungen  aufbaut, die sich aufgrund von demokratischen Abstimmungen zeigen. Deep Democracy in der Prozessarbeit bedeutet kurz gesagt, dass alle Stimmen in einer Gruppe wie auch in einem Individuum als gleich wichtig beachtet werden. Nebst den Stimmen, die die gewohnte Identität einer Gruppe oder eines Individuums repräsentieren, werden andere Stimmen bzw. Rollen ebenso beachtet.  Dies können kritische Stimmen einer Minorität sein oder auch Stimmungen, welche normalerweise übergangen werden. Folgen wir dem Paradigma von Deep Democracy beachten wir sämtliche Stimmen und Energien in einer Gruppe. Die Folge sind oft Überraschungen inbezug auf Einsichten, Lösungsansätze, Beziehung untereinander. Die innere Haltung in Deep Democracy bedeutet, in Freundschaft mit allen Teilen der Gruppe oder auch in mir selbst zu sein, sodass sich aus der Zusammenarbeit aller Stimmen neue und sehr kreative, nicht vorhersehbare Konfliktlösungen, Wege etc. entwickeln können. 

Auf der Seite www.kulturland gibt’s dazu mehr Infos und Videos von Max und Ellen Schupbach

Wer spielt ? Ein kleines Gedankenspiel zu  Deep Democracy im Konzert

Ich spiele ein Konzert vor Publikum. Wenn ich mich als Team betrachte, spielt also nicht nur eine Spielerin sondern mehrere. Wer spielt mit? Wenn ich allen inneren Stimmen Beachtung schenke, stelle ich fest, dass es mehrere Spielerinnen mit verschiedenen Absichten in mir gibt.

Eine Spielerin möchte das Publikum beglücken. Eine andere möchte Erfolg haben und erhofft sich durch dieses Konzert nächste Engagements. Eine weitere ist eine Visionärin und glaubt, dass Musik die Welt verändert. Und bestimmt gibt es noch die eine Stimme, die lieber zu Hause bleiben möchte, weil das sehr viel gemütlicher ist als auf einer Bühne zu sitzen und mit Adrenalin Klavier zu spielen.

Ich kann zum Beispiel vor einem Konzert mit diesen Stimmen bzw. Teilaspekten meiner selbst arbeiten, denn jeder Aspekt hat etwas zum Ganzen beizutragen. Wenn ich den gemütlichen Teil in mir abwerte und verdränge , weil er nicht ins Konzept passt, kann er mich während des Konzerts hindern, indem er meine Konzentration stört. Höre ich ihm zu und entfalte seine Neigung, entdecke ich vielleicht, dass er mich darin anleiten kann, einem Konzert die Stimmung von “ zu Hause sein“ zu verleihen. Dies ist seine Rolle. Sie zu vernachlässigen würde bedeuten, im Konzert nicht vollständig da zu sein. Eine wichtige Rolle würde fehlen. Wenn der gemütliche Teil bewusst mitspielen darf, wirkt er vielleicht einer Steiffheit entgegen, die klassische Konzerte oft begleiten. Dieser Teil, bewusst beachtet und entfaltet, kann mich als Musikerin verwandeln und meinen Konzerten eine sehr eigene, individuelle Qualität verleihen. Dies wiederum gefällt vielleicht dem Erfolgsmenschen in mir, denn mein Konzert wird so zu etwas Unverwechselbarem. Die Visionärin wäre sicher auch glücklich darüber, denn zu Hause kann sie ihre Visionen ganz unverhüllt zeigen. Mein Konzert wird das Publikum wahrscheinlich berühren, da ich als Musikerin kongruent da bin und alle meine verschiedenen Teile in der Musik anwesend sein dürfen.

Deep Democracy kann Konzertformen verändern, transformieren, kann mich selber verwandeln und mit mir meine Umgebung und die Welt. Einfach dadurch, dass ich alle Stimmen mitmachen lasse. Genauso verhält es sich mit allen Formen von Gruppen. Sind alle Beteiligten dabei oder gibt es solche, die vom Mainstream abgelehnt und an den Rand gedrängt werden? Was tun diese dort? Ihre schlechte Stimmung, ihre Verletzungen werden das Feld infizieren und die Identität der Gruppe erheblich stören.  Im Gruppenprozess von Deep Democracy bekommen alle die Möglichkeit, sich und ihre Rolle auszudrücken. Alle arbeiten daran, der Gruppe zu mehr Ganzheit, Erneuerung, Fluss und auch Erfolg zu verhelfen.

[1] Arnold Mindell : The Leader as Martial Artist an Introduction to Deep Democracy, Harper, San Francisco 1992

Auf der Seite www.deepdemocracyinstitute.org finden Sie weiterführende Grundlagen